Károly Szelényi: Die Taten und Leiden des Lichts - Experimente mit Farben
auf den Spuren von J. W. v. Goethe


Visuelle Wahrnehmungen

EINFÜHRUNG

     Mit der Verbreitung der Computertechnik, dem Aufkommen der digitalen Datenverarbeitung und der dreidimensionalen Bildgestaltung hat sich auch die Technik der Bildfixierung grundlegend geändert. Für die bildliche Wiedergabe der uns umgebenden Wirklichkeit bestehen für die Menschen des 21. Jahrhunderts bisher ungeahnte
Möglichkeiten zur Verfügung, weil durch diese neuen Mittel das früher schwer Erreichbare oder auch Unerreichbare „begreifbar” und „erkennbar” wird. Leider birgt dies nicht nur Vorteile in sich, sondern ist auch damit verbunden, dass wir die physikalischen Gesetzmäßigkeiten und die Werte der traditionellen Methoden sowie die ästhetischen und psychologischen Gesichtspunkte für überflüssig halten. In letzer Konsequenz kann dieser Prozess zu einer Verflachung der visuellen Kultur führen. Die grundlegenden Regeln aber, das Prinzip der Camera obscura, der Lichtlehre, der Perspektive und der Farbenlehre und die Wahrheiten der Sensitometrie bleiben von ewiger Gültigkeit!

     Unter den Informationen über die Außenwelt, die durch unsere Sinnesorgane eingeholt werden, beschäftigte das Sehen und die Mittel des bildlichen Ausdrucks des Gesehenen die Denker schon von alters her. Seit der Antike bis in unsere Tage haben sich die ganz Großen (wie Aristoteles, Leonardo da Vinci, Eugčne Delacrois und aus jüngerer Zeit Josef Albers und andere mehr) diese Probleme zum Thema gemacht. Ihre entwickelten Ideen bewegten sich grundsätzlich auf theoretischer Ebene, höchstens hat der ein oder andere Kunstlehrer experimentelle Mittel zur Hilfe genommen, um den Boden der Beweisführung zu betreten. Vielleicht war das Bauhaus die einzige Institution, die Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen verstand, aber auch hier fehlte zur Veranschaulichung oft entweder die Technik oder der richtige Blickwinkel. Ich kann es meinem Glück verdanken, dass ich bald vierzig Jahre zwischen alten Kunstwerken und den Schöpfungen heutiger Künstler tätig sein durfte und Kunstdenkmäler, kirchliche und weltliche Gebäude und Landschaften vor die Linse bekam. Neben kulturellen Höhepunkten gelangte ich auch zur Darstellung materieller Genüsse wie zur Wiedergabe von Speise- und Trinkkultur. Im Laufe meiner Tätigkeit begleitete ich die fantastische qualitative und praktische Entwicklung der farbigen Bilddarstellung, und in meinen Aufnahmen bemühte ich mich darum, die theoretischen Erkenntnisse mit der neuesten Technik zu verschmelzen.

     Vor mehreren Jahren habe ich beschlossen, als Zusammenfassung meiner Erfahrungen einen solchen „visuellen Atlas” der nächsten Generation zu überreichen, der im Zeitalter der digitalen Bilderschaffung und -fixierung durch Erläuterungen ewig gültiger Gesetzmäßigkeiten hilft, den Prozess der Bildschöpfung zu verstehen. Als Modell zur Darstellung der visuellen Wirklichkeit habe ich die uralte Form, die Wiege jeglicher Existenz, das mythische Symbol der Geburt, DAS EI, gewählt. Durch seine jedem bekannte Größe und Form ist das Ei hervorragend dazu geeignet, räumliche Veränderungen plastisch zu veranschaulichen und auf seiner Oberfläche kommen die Gesetzmäßigkeiten der Farben- und Lichtlehre ausgezeichnet zur Geltung. Mit seiner Hilfe ist es gelungen, bisher nur beschriebene oder lediglich in Zeichnungen dargestellte Phänomene im Fotoverfahren unter Verwendung von Filtern aufzuzeigen. Auch für die zu erläuternden Theorien habe ich Eier als „Modell” gewählt und dazu praktische Beispiele folgen lassen.

     Meine Studie umfasst drei gegeneinander abgrenzbare, aber selbstverständlich nicht abtrennbare Gebiete der bildlicher Darstellung: die Raumdarstellung und die Wissenschaft der Farben- und der Lichtlehre. Je mehr ich mich in meine Arbeit vertiefte, desto entschiedener hat sich in mir die Erkenntnis gefestigt, dass von diesen drei Sektoren es die Farbenlehre ist, welche die meisten widersprüchlichen Theorien in sich trägt und sich daher die Forscher dieses Themas in die unterschiedlichsten Richtungen orientierten. Darum beschloss ich als Praktiker, der mit Farben lebt und schaffenden Auges arbeitet, in diesem Band die Probleme der Farbenlehre und ihre über Jahrhunderte entstandenen Theorien zu untersuchen und zu einer brauchbaren Synthese zu
formen.

     Ich gehe um so eher mit Freude an die Arbeit, weil ich meine immer größer werdende Bewunderung gegenüber dem geistigen Riesen des 19. Jahrhunderts, dem Dichter, Prosaschreiber, Philosophen und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe, zum Ausdruck bringen kann. Ihm verdanken wir die Theorien, die sich mit der physiologischpsychologischen und ästhetischen Wirkung der Farben, mit der Erkennung der Komplementärfarben, der Nachbilder und dem Phänomen der farbigen Schatten – also eigentlich mit der psychologischen Annäherung an die Farben – beschäftigen. Wir werden sehen, dass er fast auf jedem Gebiet der Farbenlehre seine Handschrift hinterlassen hat.

     Dieser Band richtet seine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Arbeiten jener Denker, die als praktizierende Künstler und Philosophen auch als Pädagogen bedeutende Arbeit geleistet haben. Es wurden natürlich nicht diejenigen ausgelassen, die sich auf physikalischem Wege mit der Farbenlehre beschäftigten. Von einigen technischen Handbüchern abgesehen (A. C. Hardy „Handbook of Colormetry”, Cambridge; „Filtres Kodak pour l’usage scientifique et technique) liefern die Studien von Goethe, Johannes Itten, Dr. Antal Nemcsics, György Kepes, László Moholy-Nagy, Josef Albers, Wassily Kandinsky, István Király, Harald Küppers und Roman Liedl den fachlichen Hintergrund dieses Buches. (Und Lyonel Feininger, dessen Tätigkeit als Pädagoge und Fachbuchschreiber als Beispiel vor mir steht.)

     Im Geiste des Gesagten bedeutet meine Arbeit die praktische Synthese der wichtigsten Theorien der Farbenlehre. Ich kann und ich möchte auch nicht zu den zur Zeit akzeptierten und/oder diskutierten Fragen der Farbenlehre Stellung nehmen. Ich lasse
mich lediglich darauf ein, die gegenwärtig bestehenden oder existent erscheinenden grundlegenden Gesetzmäßigkeiten mithilfe von Bildern in der Praxis zu bestätigen.

     Der Verfasser
     Károly Szelényi

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